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Tekste
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Hier mer ausfürliche tekste:

 

Wieso nur ich?

 

 Kleine Texte über die vier Temperamente

 

 

Vom Toben und anderen Bissigkeiten

 

Manchmal geht es uns ein bisschen schief im Sozialen; man planiert andere Leute ohne sich überhaupt darüber klar zu machen; man ist so weinerlich oder 'zart', dass man – ohne es zu wollen -eine ganze Versammlung von normalbegabten Leuten dominiert; man ist vielleicht so zäh im Anlauf, dass andere Leute anfangen, sich die Haare – bez. die Haare anderer Leute – auszureissen; oder man ist so oberflächlich und wechselt ständig Thema und Motiv, bis andere Leute anfangen, den eigenen Weg zu gehen; tschahh – es ist halt das Temperament – das im Unterbewusstsein zu Hause ist - das etwas ungebändigt ist und deswegen zu frei läuft. Na, und? Wieso passiert das nur für mich? Aber das tut es ja eben nicht – sonst wäre es ja überhaupt kein Thema. Man kann für die eigene Entwicklung seiner sozialen Kompetenzen vieles holen, indem man mit Hilfe der Temperamentenlehre versucht zu durchblicken, was einem eigentlich zu dieser Art von seelischem Tobsuchts-Rally treibt.

 

 

Gute Nacht

 

Es ist ja eine nette Sache, wenn man als Ausgangspunkt für das, was man zu sagen hat, einen schon bekannten Text nehmen kann. Dann hat man ein theoretisches Sprungbrett und kann damit bessere und höhere gedankliche Purzelbäume, Saltomortalen und   Seiltänze machen.

In einem dänischen Kinderlied (der Verfasser ist nicht bekannt) wird das Ins-Bett-Gehen einiger Tiere beschrieben. Dieser Text wird – ins Deutsche übertragen - als Ausgangspunkt für unseren Spaziergang im Innersten dienen. Die Melodie folgt am Ende des Textes. Die erste Strophe – die nur als Einklang dienen soll, und nur wenig mit den Temperamenten zu tun hat - klingt ins Deutsche Übertragen etwa wie folgt:

 

                                 "Määh, sagt das Lämmelein

                                 es ist kalt, und ich will heim.

                                 Määh, sagt die Mutter Schaf

                                 Hier bei mir da kannst du schlaf'.

                                 Määh, sagt das Lämmelein. Määh!"

 

 

Von den kleinen, fröhlichen Entchen

 

Die zweite Strophe des Kinderliedes läuft etwa so: 

                                

                                 "Raap, sagen Entchen vier,

                                 lustig nach Hause laufen wir.

                                 Schon beim ersten Sonnenschein

                                 laufen wir ins Wasser 'rein.

                                 Raap, sagen Entchen vier. Raap!"

 

Nach Hause wollen sie, und schlafen auch. Aber morgen stehen sie früh auf um den ganzen, langen Tag zu spielen und sich amüsieren. Manchmal möchten sie diesunddas spielen, manchmal soundso – nur nicht allzu lange ohne zu wechseln, denn dann wird es sooo lang-wei-lich.

Und die kleine, gelbe Entchen langweilen sich ganz schnell, wenn sie allzu lange bei der gleichen Sache gehalten werden.

Sie lieben es, sich mit allen möglichen Dingen zu beschäftigen – vielleicht zwanzig Minuten mit dem Einen und neunzehn Minuten mit dem Anderen und dann vier Minuten mit etwas, aber nachher siebenundzwanzig Minuten mit sowas, und dann wieder etwas mit dem Einen und so weiter. Der Bescheid: "Man muss immer die eine Sache fertig machen, bevor man mit der nächsten Sache anfängt!" ist schwer bis unmöglich zu verstehen – und es ist so gut wie unmöglich dieses Erzgebot aller Choleriker zu folgen.

Denn wenn man nun plötzlich Lust hat, den Zeitungsartikel zu lesen, den man gestern kurz angeschnüffelt hat, dann kann man ja nicht unbedingt warten, bis der Abwasch fertig ist, ne? Man wirft sich wie ein Raubtier über die Zeitung, aber halbwegs durch wird es plötzlich einem klar, das der Hund jetzt gassi gehen muss – aber wo, um Himmels Willen, ist denn die Leine? Wo hat man sie das letzte Mal hingelegt – oder –geworfen? Na, egal, es gibt ja hier im Hause so viele Schnüre und Leinen und Seile, leider oft ganz unten in den Haufen. Aber endlich hat man eine gefunden – und den Küchenabfall herausgetragen, denn wie ein Blitz wird es einem klar, dass man das heute Morgen – oder war es gestern Abend? – versprochen hat - dann erinnnert man sich daran, dass der Artikel gar nicht fertiggelesen wurde, aber wo ist jetzt die Zeitung? Wo hat wer sie hingelegt und warum und weswegen? Übrigens wurde der Abwasch ja nicht fertig – aber die Uhr ist jetzt zwei vor Nachrichten, mit der man dann zwölf Minuten zusammen verbringt, denn man muss ja informiert sein, nicht wahr?

(Eine interessante Frage, aus der eine längere Debatte ohne Weiteres geschnitten werden könnte: Ist es richtig, sich mit jederlei schweren Informationen aufzufüllen, obwohl man mit diesen Informationen sowieso nichts anfangen kann, und die also nur wie eine schwer tragbare Last die seelischen Schultern runterdrücken werden und dabei das Leben schwerer verdaulich machen – ach nöö, das war ja nicht unser Thema, und eine solche Debatte wird ja auch dadurch verhältnismässig kompliziert, dass man hier niemanden hat, mit dem man debattieren kann, also später, ne?)

Nach den zwölf Minuten gab es ja die Mails, die noch nicht gelesen wurden, also liest man jetzt zwei von denen. Und der Abwasch wartet immer noch geduldig. Und der Hund wartet irgendwo mit einem merkwürdigen Strick am Halsband – wo habe ich den doch gefunden? – und der Zeitungsartikel wartet, und die richtige Hundeleine, die aus irgendeinem Grund im Badezimmer lag. Und unsere Debatte wartet, sowie der Abwasch nocheinmal. Ûbrigens brauchen die Blumen ziemlich dringend frisches Wasser.

In der Temperamentenlehre nennt sich dieses "Das sanguinische Temperament" oder "Der Sanguiniker". Immer viele Hämmer in der Hand auf einem Mal. Im Strickkorb liegen eine halbe Mütze, anderthalb Handschuhe, ein halber Schal, ein und zwei Siebtel von einem Topflappen, drei Socken, die entlöchert werden sollen – alles wird aber fertig – irgendwann!

Wenn man sich seine Arbeit aussucht, möchte man am Liebsten einen Job haben, wo es viele unterschiedliche Aufgaben am gleichen Tag gibt. Wenn man seine Arbeitsaufgaben zu Hause macht – sei es für die Firma, die Ausbildung oder die Familie (Kochen, Putzen usw.) – dann zieht man es vor, etwas zwischen den verschiedenen Aufgaben herumzuhüpfen – denn dann ist es alles eher spannend und insgesamt weniger langweilig.

Klingt es schlimm mit dieser inneren Einstellung zum Leben und Wirken? Nein, überhaupt nicht, denn das sanguinische Temperament kann z. B. zu einer enormen Vielseitigkeit führen, und das ist wohl nicht so schlecht, oder? Für den Sanguiniker besteht das Glück nicht darin, nach dem cholerischen Erzgebot zu funktionieren, sondern darin, dass man seine vielseitige Interessen und seine fröhliche – 'gelbe' - Seite akzeptieren und lieben lernt – und darin dass man lernt, wie man die beim Sanguiniker drohende Oberflächlichkeit bekämpft.

Dieses 'gelbe', 'luftartige' (nach den alten Griechen), sanguinische Temperament hat eine kolossal starke Seite, die man einfach nicht zu hoch schätzen kann. Davon ein bisschen später.  

 

 

Die kleine Katze

 

Die dritte Strophe vom Kinderlied klingt etwa so:

 

                                 "Miaou, sagt das Kätzelein,

                                 schlafen will ich süss und fein.

                                 Morgen spiel' ich wieder schön,

                                 spiele alle Tage hin.

                                 Miaou, sagt das Kätzelein. Miaou."

 

Ja, süss und fein will es schlafen. Sehr gern sehr süss und sehr lange. Ganz einfach weil es so schön ist in die Bettenlandschaft runterzutauchen, zu spüren wie die Federdecke sich um den Körper schmiegt und wie die seligmachende Wärme sich vom Bauchgebiet bis in entlegene Glied-Regionen verbreitet. Zuerst Rumpf, dann Brust, Hals, Schwanzspitze, Kopf, Unterbeine, Oberarme, Oberschenkel, Unterarme, Hinterpfoten (oder Zehen und Füsse), Nase, Ohren, Vorderpfoten (oder Hände und Finger) – einfach alles geniessen, einfach sein, existieren. Wenn es aber dann endlich aufgestanden ist und sich gründlich ausgestreckt hat, dann hat es sich richtig bereit gemacht - für das erste Vormittagsschläfchen. Danach will es ja eigentlich gern spielen und ein gemütliches Leben leben – den ganzen Tag – gemütlich, bequem, hungerlos, friedlich, gemütlich.

Man stelle sich vor: Eine liebliche, grüne, von der Sonne aufgewärmte und beleuchtete Wiese. Ein Paar Fliegen summen gemütlich, das Gras wächst leise, die Blumen duften; dort in der Wärme ruht die schöne Kuh. Sie ist am Kauen – Wiederkauen um genau zu sein. Oder vielleicht am Wiederzerquetschen, denn das ist ja, was die mehr oder wenig zahnlose Kuh tut: Kaum Kauen, sondern Zerquetschen. Naja, also: Sie liegt dort in der Wärme und behandelt das schöne Essen, das sie am Vormittag eingesammelt hat. Wie viele entscheidende philosophische Fragen vom Sinn des Lebens und ähnliche Sachen passieren jeden Tag durch den Kopf dieses Tieres? Nee, eben nicht, denn was sollte diese Dame doch mit solchen Themen anstellen? Sie lebt ja eben, das ist ihr Sinn des Lebens – sie existiert, atmet – sie ist!

Dieser Seelenzustand wird in der Temperamentenlehre als Das Phlegmatische Temperament bezeichnet. Es mag schon sein,   dass der Sanguiniker den Abwasch über den ganzen Abend ausstreuen kann, indem er ihn happenweise beseitigt. Das ist für den Flegmatiker nicht notwendig, er kann ohne weiteres sehr lange bei Porzellan und Glas bleiben, ohne dass er sich mit anderen Sachen unterbrechen lassen muss.   Es gibt ja so Vieles zu tun: Man könnte ja z. B. ein Glas mit dem 'Mund' nach unten ins Wasser hineinstecken – und voila: Da kommt ja überhaupt kein Wasser ins Glas. Oder man könnte das Glas - mit Wasser gefüllt und wieder mit dem 'Mund' nach unten – langsam aus dem Wasser heben. Voila: Die Flüssigkeit bleibt im Glas – bis der 'Mund' ganz im Freien ist. Und das lässt sich dann mit sämtlichen Gläsern, Tassen, Krügen, Tellern, Fässern, Töpfen nachprüfen. Man har ja Zeit genug, und die Dinge des Lebens müssen ja gründlich untersucht werden. Nicht wahr?

Der Flegmatiker ist auch derjenige, der ohne Stress, Dysfunktion oder Frust am Bahnhof anderthalb Stunden auf seiner Ehegattin warten kann, weil der Zug sich verspätet hat – denn es gibt ja unendlich viele Dinge, die man studieren kann – Menschen von sämtlichen Geschlechten, Tiere, Autos, Wolken und – alles mögliche. Leider kann man sich nachher nicht an alles erinnern, eigentlich nicht an sehr vieles – aber man hat sich nicht gelangweilt, und auch nicht seine kostbare Zeit vershwendet (die grosse Angst in der modernen Gesellschaft), denn das Gesehene scheint weg zu sein, ist aber überhaupt nicht verloren gegangen.

Er ist auch derjenige, den die Ruhe anscheinend nie verlässt, selbst bei den höchsten Wellen. Andere Leute möchten vielleicht schreien: "Würdest du gefälligst hier teilnehmen, es ist ja auch dein/e Verantwortung/Arbeitsplatz/Ehe/Kind/Kinder/Leben!!!!" Er aber bleibt oft dabei, noch einmal zu untersuchen, ob doch nicht ein kleines Stück Kuchen übrig ist. Aber-aber!! Er ist keineswegs unengagiert, nichtteilnehmend, es ist ihm überhaupt nicht egal – er ist halt Flegmatiker, und bei ihm lässt sich der funkensprühende Enthusiasmus nur selten von den Augen anderer Leute beobachten. Meistens klingt es etwa wie: "Jaja, mal sehen, es geht schon, denk' ich."

Dem Flegmatiker ist es auch klar geworden, dass sämtliche orale Geschmacksorgane ihr Zuhause auf der Zunge haben. Und also: Warum sollte man dann die Zähne verwenden? Deswegen bevorzugt er seinen Steak gut durchgebraten und am liebsten als Gehacktes – zu Not als Gulasch. Am liebsten mag er vom Brot das Weiche im Innern und nimmt gern den harten Krust ab. Sonst liebt er Gerichte wie Pudding, Kartoffelmus oder –Brei, Sauerkraut – Sachen, die mit der Zunge zerkaut werden können, und die nett, gemütlich, behaglich, bequem sind.

Und selbstverständlich hat dieser 'grüne' Flegmatiker, der gern im Wässrigen Element lebt, einige starke und für alle andere Leute völlig unentbehrliche Seiten. Die folgen demnächst.

 

 

Das alte Pferd

 

Es wäre wirklich ganz typisch:  Genau, wenn ich dran bin, dann gibt es eine kleine Pause. Sind wir bei der Vorstandssitzung oder beim Lehrerkonferenz oder wo auch immer, und ich habe mich zum Wort gemeldet, nach der ewig langen Wartezeit während der selbstsicheren Redeflüsse des Cholerikers – dann sagt der Verantwortliche Wortführer, dass ich jetzt dran bin – "aber wäre es nicht eine gute Idee, wenn wir zuerst eine kleine Pause machen würden?" Tscha – so ist es – oft.

Aber hier unser kleines Lied:

 

Prrrh, sagt das grosse Pferd,

ziehen tat ich heut' so schwer.

Wär' ich bloss im warmen Stall

Und hörte keinen Peitschenknall.

Prrrh, sagt das grosse Pferd. Prrrh.

 

Ja, wäre ich nur irgendwo anders als hier. Hier ist es nicht so schlimm, es könnte ohne weiteres viel schlechter sein – obwohl ich es mir kaum vorstellen kann. Auf der anderen Seite möchte ich ja auch nicht irgendwo anders sein, denn das kenne ich ja nicht. Schön wäre es aber, wenn ich nicht jeden Tag so schwere Aufgaben hätte, immer die schwerste Last, immer nach dem gemütlichen Abend zum Abwasch bleiben, wo die anderen einfach gegangen sind. Wäre es bloss nicht immer so, aber so ist es, und es lässt sich wahrscheinlich gar nicht ändern. Aber ich bestehe auf mein Recht, allen darauf aufmerksam zu machen, dass mein Leben manchmal schwerer ist, als sie es sich vorstellen.

Und meine Schwierigkeiten sind keine Kleinigkeiten. Sie fangen schon beim Aufwachen an. Ich setze mich auf die Bettkante, die Füsse setzen sich vorsichtig auf den Fussboden (wahrscheinlich kalt!) – und dann spüre ich nach, wo es mir heute Weh  tut.

Während des Tages gibt es jede Menge Hindernisse. Jaja - der Choleriker mag wohl diese als 'Herausforderungen' bezeichnen, ich aber nenne sie 'Hindernisse' oder 'Probleme'. Denn das sind sie! Ich kann sie ja nicht einfach ignorieren oder beseitigen, das ist nicht mein Stil. Der geht in die Richtung: sich leidend durchkämpfen. Jemand würde vielleicht den Vorschlag äussern, es wäre eine gute Idee, irgend etwas in einer ganz neuen Art und Weise zu tun oder hantieren. Aber ich weiss ja, dass jede neue Idee in genau 52 verschiedenen Weisen schief gehen kann – gut gehen kann sie ja grundsätzlich nur in einer bestimmten Weise. Und das sind ja keine gute Gewinnchancen. Deswegen ziehe ich es immer vor, die Sachen so zu behalten, wie sie immer waren, statt sie dauernd zu verändern – man weiss ja, was man hat, nicht wahr?

Aber ich bin für alle Angriffe bereit – und 'Angriff' ist eben das richtige Wort für mich. Andere Leute mögen vielleicht Worte wie 'Kritik', 'Uneinigkeit', 'Unübereinstimmen' oder 'Auffassungsdifferenzen' benutzen wollen. Ich aber blicke da völlig durch und verstehe, was Leute wirklich und tatsächlich meinen, wenn sie gegen mich reden. Ich kenne die Wahrheit der 'Versicherungseinstellung': "Man darf nie vergessen, im Voraus sich Sorgen zu machen" – denn wenn die Sache irgendwie gut ausgehen würde, dann hätte man ja nicht die Freude am Schmerz von diesen Sorgen. Ich weiss, dass meine Hausaufgaben für mich viel zu kompliziert sind – warum sollte ich sie denn überhaupt anfangen? Ich weiss, dass mein Lottoschein nie gewinnt – warum denn mein Geld riskieren? Ich weiss, dass wenn ich den Rücken eines Pferdes mit meinem Körper beschmücken würde, dann wäre es nur ganz kurzfristig, und es würde auf jedem Fall wie den traditionellen Clown-Einschlag einer Tragödie aussehen – die einzige Frage nachher wäre nur die von der Farbe: einen weissen, braunen oder schwarzen Sarg?

Mir ist klar, dass wenn etwas besser als erwartet geht, dann ist irgend etwas nicht in Ordnung, und der ganz grosse Jubel steigt nicht in mir hoch, denn ich weiss, dass mich morgen - oder nächste Woche oder nächstes Jahr - die Vergeltung, die Rache bestrafen wird. Und ich weiss, dass immer, wenn meine Weissagungen (dass es nicht so gut wie gehofft, bez. schlechter als gefürchtet, gehe) wahr werden, dann liebe ich es, mich mit meinem Lieblingssatz zu stärken: "Tchah, das habe ich doch schon gesagt, nicht wahr?"

Aber natürlich hat der 'blaue' Melancholiker Herrliches für die Gemeinsamkeit anzubieten. Davon etwas später.

 

 

Der Wachhund

 

Es ist wirklich unglaublich, wie lange man warten muss, während alle andere Leute hier ewig reden und reden und sich selbst produzieren. Na, es mag schon passend sein, dass ich hier die erste Runde beende – ich bin ja trotz allem der unentbehrliche, nicht wahr! Ich bin ja der, der dafür sorgt, dass alles in Ordnung ist, dass die Dinge zu sammen funktionieren, dass mein Verein, die Firma, die Stadt oder der Staat zusammenhängt – und dass alle andere schlafen können:

 

                                 Wau! sagt der grosse Hund,

                                 wachen muss ich noch ein' Stund'.

                                 Laufe 'rum und seh' dazu,

                                 dass jeder ruhig geht zur Ruh'.

                                 Wau! sagt der grosse Hund. Wau!

 

Das mit dem 'herumlaufen' passt ziemlich gut, denn das ist, was ich als Choleriker immer tue. Nicht dieses gemütlich-herum-tussen und auf-der-einen-Seite-und-auf-der-anderen-Seite und man-muss-ja-immer-verstehen. Nein! Für mich heisst es immer: direkt in Richtung meiner Nase, und die ist nach vorne gerichtet. Immer! Es mag schon sein, dass der Sanguiniker mehr oder weniger über die Erde schwebt , und dass der Melancholiker meistens so geht, als würde er in der Erde bis zu den Knieen stecken. Die sollten sich aber etwas zusammenraffen und so gehen wie ich: Mit den Hacken so auf die Erde treten, dass ich deutlich fühle, dass ich hier gehe – und so dass andere Leute es auch erkennen.

Das mit den Hacken gilt auch im übertragenen Sinne: Wenn wir irgend etwas entscheiden müssen, dann krabbelt mit Sicherheit irgend ein melancholisches Wesen aus seinem Loch heruas und versucht uns beizubringen, dass man ja immer die Dinge von allen möglichen Seiten beschauen muss – wodurch unser Entscheidungsprozess ja nur nebelich und unklar und unmöglich wird – und "wir müssen es ja zuerst überschlafen, denn sonst riskieren wir ja, dass wir die falsche Entscheidungen machen, und das jemand sich verletzt oder übersehen oder überwältzt empfindet" – nicht wahr: dann sitzen wir da bei der einen Sitzung nach der anderen und kommen überhaupt nicht weiter. Als Choleriker mag ich eher die kurze Debatte und dann die scharfe, durchschnei dende Entscheidung, damit wir weiter kommen können. Und wie schlimm ist es eigentlich, wenn wir einen falschen Beschluss machen? Auf jedem Fall besser, als wenn wir gar keinen machen würden. Und was denn, wenn irgend ein kleiner Hampelmann oder eine Hampelmine sich überrollt fühlt? Soll er oder sie sich eben zusammenraffen und seinen Platz in der Hierarchie finden. Und das, ob es sich um Kollegen, meine Kinder, meine Schüler oder meine Eltern handelt.

Was ich am Meisten liebe, ist Kampf. Widerstand. Herausforderungen. Wer könnte sich mich vorstellen, wie ich zwei Stunden am Strand entlang laufe – und dann noch zwei Stunden wieder zurück?! Diese ach-wie-schön-und-friedlich-und-sonnig-und-warm-und-was-fühle-ich-mich-doch-hier- bei-dieser-die-Welt-vergessende-Sommerwärmestimmung-wohl-un-fange-an-die-ganze-Welt-lieb-zu-haben-artigkeit macht mich einfach wahnsinnig!! Bei Sturm, wo jeder Schritt vorwärts er kämpft werden muss, dann ist es ok. Oder beim Steine-sammeln, wo der Rucksack voll wird und dreissig Kilo wiegt, das wäre auch in Ordnung. Sonst ziehe ich es vor, in den Bergen zu wandern oder klettern, denn da gibt es Widerstand. Vielleicht in den Höhen Nepals. Oder bei den wildesten Loipen im Schnee. Oder Bungy Jump. Oder bei verlängertem Aufenthalt im Trainingszenter. Oder beim Kampf gegen die wilden Schmerzen und den Drang zu wimmern bei einem Marathonlauf. Dann gibt es Kampf und Selbstüberwindung. Wenn ich einen Steak esse, will ich ihn so rot haben, dass er muuht, wenn ich den Gabel reinstecke. Oder so scharf gewürzt, dass ich mich - nach gründlichem Atemholen - darüber freuen kann, dass ich endlich mal etwas zu essen habe, das zurückbeissen kann.

Wo gewisse andere Leute sich es mit einem Abwasch für ewig g emütlich machen können, da habe ich den meinen im Nu überstanden. Es geht schnell, vielleicht vergesse ich einige Essensreste, die der Melancholiker nie übersehen hätte – aber für solche Fälle hat man ja den Begriff 'scharf abtrocknen' - so wenig Zeit wie möglich verschwende ich mit dieser Art von unkonstruktiver Arbeit. Nachher gibt es natürlich ziemlich viel Wasser auf dem Tisch, denn meine Armbewegungen sind halt ziemlich verbreitet und selbstständig. So bin ich halt! Take me or leave me!!

Und selbstverständlich habe auch ich als Choleriker Wichtiges, Unentbehrliches, Unschätzbares anzubieten. Darüber später.

 

 

Sich zu verstehen

 

Jetzt - vom Hund bewacht - liegen Entchen, Kätzchen und Pferd auf ihrem Nachtlager. Und wir kehren zu den kleinen Vögelchen zurück. Das sanguinische Element wirbelt sehr gern zwischen vielen Themen. Denn es wird sehr schnell langweilig, bei einer Sache hängen zu bleiben. Und das ist so, weil das wichtigste Motto für den Sanguiniker etwa so klingt: "Übrigens - das erinnert mich daran, dass….." Und kaum hat er diesen Satz gesagt, dann hat unser Gespräch die Spur gewechselt. Da haben wir gesessen und über Fussball geredet und wer am Besten in der Liga ist und warum und wie lange - dann verbringen wir plötzlich dreissig Sekunden mit den neuesten Kochrezepten und ist es vielleicht gut wenn man ein Bier auf den Braten im Ofen giesst - dann   ist Argentinien dreiviertel Minute im Zentrum, eine halbe Minute diskutieren wir moderne Tänze und die dazugehörige Gesundheitsprobleme, dann Sportsschaden, die Hamburger Hafenrundfahrten, die Krankenhäuser, die Milch aus Allgäu, die Ausbildung von Krankenschwestern und und und – und niemand weiss, wo unser Gespräch hin will.

Das will es aber gar nicht. Es will nirgendswo hin. Denn wir unterhalten uns eben nach Gefühl – was uns eben einfällt, und wir geben immer bei jedem Einfall nach, denn warum nicht? Das wird ja erst ein Problem, wenn wir bei einem Konferenz, einer Besprechung oder so sitzen, wo wir wirklich gezielt reden müssen um zum Ziel zu erlangen.

Ist denn dieses gelbe Luft-Temperament völlig hoffnungslos? Natürlich nicht. Es ist genau so notwendig und wertvoll wie die drei anderen – und genauso entsetzlich irritierend, - wenn es also ausser Kontrolle ist.

Und was hat es dann an Besonderes anzubieten? Eine gute Lösung für eine ganze Welt von Missverständnissen und mangelhafter Kommunikation! Was ja nicht wenig ist.

Ein liebevoller Ehemann will seiner Frau eine Freude machen und bringt endlich mal einen Blumenstrauss mit nach Hause. Sie nimmt ihn lächelnd entgegen, denkend: "Wieso kriege ich jetzt Blumen? Welche schlimme Sachen hat er wohl betrieben?" Ein Lehrer lobt einen Schüler – der dann mit den Eltern zusammen überlegt, was der Lehrer wohl im Schilde führt. Zwei politische Gegner sind am Verhandeln – kommen aber nur bis zum unlösbaren Problem der Sitzordnung am runden, ovalen, viereckigen - oder was auch – Tisch, denn warum soll eben der dort sitzen, und warum soll eben der zuerst zum Wort kommen? Die Kommunikation unter Menschen von heute ist derart übervoll mit Fallgruben. Das Risiko, dass wir uns gegenseitig missverstehen statt verstehen, ist Elefantenartig gross. Warum denn?

Weil wir alle mit der psychologischen Entwicklung der letzten hundert Jahren, wo das mehr oder weniger bewusste Bestreben vor allem in Richtung Individualisierung (und dadurch als Nebengeschenk auch der oeden Einsamkeit) gewesen ist, gelernt haben, immer wieder grossgeschriebene Fragezeigen überall hinzuschmeissen. Wir haben gelernt, in allen Lebenslagen der zweifelnde Thomas zu sein, der erst glaubt, wenn er körperlich erfährt. Wir erleben einen Vortrag – interessant ist es vielleicht, aber der kleine Wurm schleicht im Herz herum: "Mag schon interessant sein – aber ist es nun auch wirklich die Wahrheit, die da gesagt wird? Wieso kann er so viel wissen, wo ich doch selber nicht so viel weiss?" (Sehr typisches Verhalten bei Schülern dem Lehrer gegenüber, übrigens, wodurch man mit Sicherheit nicht viel lernen kann.)

Statt ohne Vorbehalt alles in sich aufzunehmen – und dann später das Gehörte mit seinem Wahrheitssinn filtrieren – bauen wir innerlich kleine und grosse Mauern. In einer Geschichtsstunde wird Interessantes von den Sachsen oder Hohenstaufern berichtet. Viele Schüler finden das toll – wenn der Lehrer sich mit dem Erzählen mühe gibt. Aber einige reagieren: "Warum muss ich das da hören? Was hat das doch mit meinem Leben hier und jetzt zu tun - und mit meinem Liebeskummer?" Eine Mauer ist errichtet, und das tun wir sehr oft und ganz gerne – unbewusst. Unsere innere, seelische Mauern wachsen ständig, oder versinken, verschwinden dann minutenlang, tauchen wieder auf, wachsen wieder, zerfallen und so weiter.

Nun ist es ja aber so, dass wir uns nur richtig, vorbehaltslos verstehen können, wenn diese Mauern weg sind. Ein wahrhaftiges Verständnis unter Menschen setzt voraus, dass die Mauern so gut wie völlig entfernt sind, wenn es auch nur für wenige Minuten gilt. Und wodurch können wir unsere innere Mauern verschwinden lassen? Durchs Lachen. Durch Humor. Humor ist nicht nur das Alpha und Omega für Unterrichter der Pubertätsjahrgänge. Humor ist die grösste Hilfe zum Mauerumsturz, die wir überhaupt haben. Nach einem fünf-minütigen Lach- und Humor-Stündchen gehen zwei führende Politiker nicht direkt zurück in den Krieg gegeneinander. Oder? Das lässt sich auf allen Gebieten des Lebens übertragen.

Und wer bringt uns dann diese Mauerumstürzende, alles-befreiende Stimmung? Der Witz-Erzähler? Aber nein, oft im Gegenteil. Nein, das tut der, der diesen Humor und die dazugehörige innere Leichtigkeit besitzt – angeboren oder geübt. Das tut der, der es verstanden hat, dass wenn ein Vorstandsgespräch oder Ähnliches mit ernsthaften Sachen auf der Speisekarte richtig fruchtbar werden soll, dann muss auf dem Seitenteller reichlich Humor und innere Sprungfertigkeit serviert werden, denn sonst versperren die Mauern schnell den Ausblick zur Verständigung.

Von wem sprechen wir? Na, klar: Das ist ja eben die grösste Stärke des Sanguinikers: Das wundersame Geschenk Humor. Die grosse Hoffnung des Verfassers ist dann, dass es dem Sanguiniker erlaubt wird, mit diesem Humor häufig den Seelen-Smog zu verschlingen, ohne dass jemand ihn wegkehrt mit den Worten: "Würdest du/Würden Sie gefälligst seriös bleiben!" Denn Humor gehört zu den seriösesten und ernsthaftesten Sachen auf diesem Planet.

 

 

Immer mit der Ruhe, dann blühen die Ideen

 

Haben nicht fast alle Leser erlebt, dass man in einer Arbeitsgruppe sitzt und versucht, irgend einen sozialen Knoten der Gemeinschaft zu diskutieren; oder vielleicht ist es mehr im technischen Bereich – der Stundenplan vom nächsten Jahr oder der Arbeitsplan des Krankenhauses oder Kindergartens oder ähnliches muss gemacht werden; oder vielleicht ist das Problem noch mehr im Praktischen – z.B. wie man den Fussboden des Neubaus mit dem des hundert Jahre alten Altbaus so verbindet, dass diese Verbindung noch 25 Jahre hält. Auch innerhalb der Ehe können ähnliche Diskussionen stattfinden. Oder die Probleme wirbeln sich im Innern des Selbst.

Oft muss man – bez. das Paar oder die Arbeitsgruppe, der Vorstand, das Kollegium – selbst nach der Lösung forschen – "aber es kommt mir so kompliziert vor, und vielleicht haben wir ja auch nicht genügend Kompetenz, und sicherheitshalber wäre es bestimmt besser, wenn wir professionellen Beistand vom Wert von Tausend oder was weiss ich Euros im Baumarkt, beim Psychologen, Therapeuten, sozialen Konsulenten oder so kaufen, denn beim Versagen können wir jedenfalls sagen und wissen, dass wir unser Äusserstes getan haben!" Der Choleriker möchte gern das Problem dadurch lösen, dass es beseitigt wird: Einen der beiden Kollegen mit Zusammenarbeitsschwierigkeiten wird entlassen, der kleine Hammer wird durch einen Vorschlaghammer ersetzt, das unpraktische Altbau wird einfach abgerissen ("Architechtonischer Wert lässt sich nicht in Effektivität übertragen!"), der Stundenplan wird ab jetzt per Computer gemacht (also ohne Rücksicht auf Individuelles und Persöhnliches – denn: "Mensch Sein? Das kannst du in deiner freien Zeit – hier geht es um Effektivität!")

Aber, da haben wir vielleicht vier Stunden gesessen und die Luft mit unideellen Vorschlägen nebelgrau gemacht, und alles bleibt stecken wie ein Auto im Überschwemmungsschlamm – dann hat der Phlegmatiker plötzlich die Idee, auf die alle gewartet haben. Manchmal – manchmal sogar oft – wählen wir diese Idee nicht zu beachten, denn wieso kann man Vertrauen haben, dass diese sonst so langsame Person etwas Wertvolles zu bieten haben kann? Wenn wir es aber lernen, diese Ideen, die uns oft so schief vorkommen, zu vertrauen – oder die Ideen, die der innere Phlegmatiker gerne hervorbringt, wenn er darf – dann werden wir oft erleben, dass sie oft die Besten sind, und sie sind fast ohne soziale oder finanzielle Kosten.

Der Phlegmatiker ist mit seiner Phlegma im Stande, drollige, putzige, aber funktionsfähige Ideen Leben zu geben. Das hängt damit zusammen, dass er sich ja oft in einem nur halbwegs anwesenden Zustand befindet. Hier kann sein Unterbewusstsein ordentlich teilnehmen, der ja sonst am schlafen ist, wenn wir uns z.B. bei einem Konferenz effektiv bewusst verhalten. Normalerweise lässt er ja bei Wahrnehmungen sämtliche Sinne frei arbeiten. Diese dringen dann tief in ihn hinein und werden unbewusst erinnert. Wenn er dann 'halb-schläft', kann der innere Phlegmatiker auf die Suche gehen, die Suche nach erinnerte Wahrnehmungen, die zu den Ideen führen. Also hängt dieses fast geniale Talent für das Auffinden von Lösungen eng damit zusammen, dass es dem Phlegmatiker erlaubt wird, Phlegmatiker zu sein – ohne immer: "Schneller, schneller, beeil dich!" oder: "Du kannst nicht gut genug lesen, du musst unbedingt Extra-Unterricht haben, sonst verlierst du den Kampf um das Karriereleben!"

Eine andere Begabung beim Phlegmatiker ist die immer ruhige Oberfläche. Viele Leser haben es erfahren: Man muss schnell von zu Hause weg, vielleicht ist man schon ein bisschen zu spät, und dann muss man den Phlegmatiker der Familie – Ehegatte/in, Sohn oder Tochter – noch antreiben: "Beeil dich, wir kommen zu spät, beeil dich endlich, wir können nicht länger warten, wir müssen uns jetzt wirklich beeilen, komm nun endlich…." Man treibt an und an – aber doch gibt es kein deutliches Zeichen auf Eile. Die Schultasche wird fertiggemacht, die Schuhe werden gebunden, die Haare werden gekämmt, der Mantel wird Geknöpft – alles so langsam wie sonst immer. Und ganz ehrlich: Wie nervenzerreissend, irritierend, zum wahnsinnig werdend!!!

Aber nein, das muss man nicht werden – wahnsinnig - denn er (oder) sie tut es ja nicht absichtlich, um jemand über die Kante zu treiben. In Wirklichkeit läuft es in seinem (oder ihrem) Innern herum, dass er (oder sie) sich ordentlich beeilen muss, und du meine Güte, wie ich mich doch beeile, nie seit der Sintflut sah man jemand, der sich so schnell bewegte. Aber es dringt nicht durch die Haut, dieses Beeilen, nur der Phlegmatiker selbst erlebt die Erregung, die Schnellichkeit. Für uns sieht er (oder sie) immer noch aus wie der gewöhnliche, stumpfe, unengagierte Esel, bez. Eselin. Aber aber: Das, was man da sieht, ist kein Esel, ist nicht stumpf, nicht unengagiert, wahrscheinlich gar nicht gewöhnlich. Hinter der phlegmatischen Fassade befindet sich Feuer, Engagement, Fleiss und Begeisterung; aber nach Aussen hin kommt er (oder sie) uns meistens vor wie die wiederkäuende Kuh auf dem Alm.

Aber: Wie gut, dass es ihm erlaubt wird, phlegmatisch zu bleiben. Denn es ist ja eben sein Talent, auch in den chaotischen Stunden, wo jeder Vernunft zerkrümelt, die Ruhe zu bewahren – ja, in solchen Stunden, wo Ratio, Logik und Überlegung in sibirische Dorfnamen verwandelt werden, mag der - immer nach Aussen hin ruhige - Phlegmatiker seine Ruhe in die Umgebung verbreiten. Und wir können beruhigt aufatmen.

Und ist es nicht toll, dass wir die sonderbaren Ideen des Phlegmatikers haben – und diese inspirierende Ruhe? Und ist es nicht toll, wenn wir lernen, unseren eignen, innern Phlegmatiker zu finden und ausnützen? Auf Wiedersehen, Stress!

 

 

Das berührte Herz

 

Stellt Euch mal vor, wie es aussieht, wenn der rote Choleriker auf Volldampf gewirkt hat: Soziale Trümmer überall, Chaos und weinende oder trostlose Leute hocken hier und da, verwundet, beleidigt, verletzt, zertreten. Sowas passiert natürlich auch manchmal ohne das Mitwirken des Cholerikers – besonders das Traurigsein. Das kommt ja aus tausendundvier verschiedenen Gründen vor, aber auf jedem Fall kann es danach schwer sein, wieder zur Oberfläche zu kommen, wenn man voller Trauer ist und Lust hat, einige Träne rollen zu lassen.

Jemand hat von den elektrischen Heizgeräten gesagt, dass sie nicht so richtig Wärme geben würden, sie sollten aber die Kälte im Zimmer nehmen – deswegen kann man manchmal erleben, dass man in einem reichlich warmen Arbeits- oder Wohnzimmer sitzt, wo es einem aber trotzdem irgendwie etwas kalt ist. So ist es mit mir beim Trösten: Ich mache nicht aus einem traurigen Mitmenschen einen fröhlichen, aber ich bin sehr gut dazu, ihm den Schmerz oder Trauer weg zu nehmen. Ich kann diese graue Stimmungen beim Mitmenschen sehr gut sehen und erkennen, weil ich eine meisterhafte Beherrschung der ganz besonderen Disziplin: "dass es mir schlecht geht" habe. Allein meine Lust auf Im-Voraus-Sorgen und so weiter berichten von dieser Meisterschaft.

Besorgnisse habe ich haufenweise – die Ozon-Schicht (= Hautkrebs), die Palästina-Frage, sitzen meine Kleider heute ordentlich, die Kriege im Orient, zu viel Zucker überall (= Krankheiten, also ernsthafte!), die Schwierigkeiten der Ökologie, das deutlich riskante Rollschuhlaufen meiner Kinder (= Gebrochenes überall und Rollstuhl-Führerschein), AIDS, Kohle-Partikel im Morgen-Toast (= Krebs), Sars, schaffe ich es noch heute in die Bücherei, Krebs überall, die Kräuter beim Chinesen-Grill (= Krebs) und so weiter. Und mit den vielen Besorgnissen ist es so, dass die traurig gestimmte Person einfach ein Paar seiner Sorgen auf meinen Schulter legen können – mit der erwähnten Last spüre ich sowieso keinen Unterschied.

Ein Choleriker würde vielleicht einer traurigkeitsbetroffenen Person gegenüber sagen: "Du siehst traurig aus. Könnte es nicht sein, dass dudich selbst ein bisschen zu ernst nimmst? Jetzt lach mal, damit wir es aushalten können, in deiner Nähe zu sein! Und übrigens stehen dir die Mascara-Streifen auf den Wangen überhaupt nicht." Nein, der hat wirklich nicht viel Trost zu spendieren. Kein Cent wert.

Ein Phlegmatiker möchte am Liebsten fragen: "Wo du ja jetzt so traurig bist, sollte ich dir dann nicht mit dem Kuchen da helfen und das Stück schnell verschlingen, bevor es im Tränenwasser ertrinkt?" Aber meistens würde er den Trauer gar nicht entdecken, bevor die Trostarbeit einigermassen zu Ende gebracht wäre.

Und ein Sanguiniker würde sich nicht zurückhalten können: "Aber-aber-aber, du siehst aber aus! Solltest du aber gar nicht, denn morgen scheint die Sonne ja wieder, und dann wird der Tag ganz neu sein, und alles fängt völlig neu an, und du wirst sowieso all das Doofe und Traurige vergessen haben, jetzt lach mal, zum Lachen braucht man zwei Gesichtsmuskel, zum gurkensauren Gesicht braucht man 42, also ist es zwei hundert Mal so dumm, sauer zu sein – ungefähr!"

Und diese drei Ausgaben sind alle bestenfalls wirkungslos, wenn man deprimiert, traurig oder einfach blaugrau ist. Was man braucht ist, dass der Schulter den Engelsflügel vom Lehrer, Vater, Mutter, Freund, Kollege, Vorgesetzte/r spürt. Und man braucht zu hören, das man einen guten Grund hat, traurig zu sein, und dass andere Leute es verstehen können, und dass es in Ordnung ist, in dieser Situation traurig zu sein.

Und plötzlich – wie von einem langsam wellenden Wunderwogen biegen sich die Seiten des Mundes anders als vorher – und sehe: Ein leises Lächeln bahnt sich den Weg zur Geburt.

Steht man betrübt vor dem Choleriker: "Nimm dich zusammen!", vor dem Phlegmatiker: "Na, am Ende wird es wohl schon gehen," oder vor dem Sanguiniker: "Grüsst die Welt mit 'nem Lächeln, dann kriegst du das Gleiche zurück!" dann hört man nicht diese Worte, sondern: "Er nimmt mich nicht ernst. Er meint, ich würde lügen. Er redet abfällig zu mir. Und das macht mich keineswegs froh. Und es gibt mir auch gar keine Lust zur Zusammenarbeit. Ganz im Gegenteil!"

Steht man aber dem Melancholiker gegenüber: "Ja, du hast Recht!", dann fühlt man sich ernst genommen und nicht abwertend behandelt. Man steht nicht vor einer geschlossenen Tür, sondern einer offenen, wodurch man alle Sorgen, Traurigkeiten, Beschwerden, Schmerzen einströmen lassen kann. Man wird so wunderbar erleichtert. Und danach kann man sich bereit machen, wieder hoch in das Licht gehoben zu werden – und das geht natürlich schnell und fein, wenn der Sanguiniker mit seinem ausgelassenen Humor den Weg zeigt. Aber zuerst: Der Trost. Der ist die Voraussetzung. Und von den vier Tieren ist eben das grosse, alte Pferd – obwohl es oft so trostlos erschlagen vorkommt – der, der diesen Trost meistert.

Findet man also nicht den Weg zum Inneren Melancholiker, dann kann man den Tröster nicht sein. Dann muss man ja hoffen, dass es in der Nähe einer gibt.

 

 

 

Das schaffen wir mit einem Hieb

 

Hätte ich gewusst, dass ich so lange habe warten müssen, bis ich wieder zum Wort käme, dann hätte ich in dieser Vorführung der drei Temperamente – und das meine – erst gar nicht teilgenommen. Oder ich hätte darauf bestanden, als erster zu sprechen, wie sonst immer.

Na! Einmal im Büro war ein Kollege vier Tage lang nicht gekommen. Dann endlich, am Freitag, ist er eingetroffen und sah aus, als hätte ihn die Katze reingeschleppt. Ja, es wäre wohl so furchtbar gewesen, denn seine Frau habe ihn am Sonntag verlassen, und er wüsste weder rein noch raus, sein Leben sei verwüstet, er könne weder schlafen noch wach bleiben, er könne nicht essen (also diese Melancholiker und ihrer Sucht nach dem Nicht-Essen bei jeder Gelegenheit, wo sie traurig oder froh oder müde oder frisch oder was auch sind! – er könne nichts. Jetzt habe er sich aber an einen Therapeuten gewendet, der ihn in eine Männergruppe mitgezogen habe, wo man im Kreis sitze und alles über seine Traumen erzähle, und alle würden wohl Gruppenknutscher verteilen und sich gegenseitig trösten, und der Therapeut habe gemeint, dass er schon nach einem oder zwei Jahren einigermassen seine Schwierigkeiten überwinden würde um sich dann wieder etwas zögernd auf den Paarenmarkt zu wagen. Jahhh.

Als mir das Gleiche passierte – ich denke manchmal immernoch daran, es ist ja schon ein halbes Jahr her – da war ich ja schon Montag Morgen im Büro. Als jemand fragte, wie mein Wochenende wohl gewesen wäre, konnte ich ja bloss antworten: "Tschohh – soso – ja, meine Frau hat mich verlassen – armes Wesen!" Da war also nichts mit Klageweibs-Verein oder Traumentherapie oder Trauerbehandlung oder Psychowissenwussen. Das hat der Kerl alles selbst geschaffen!

Jemand würde jetzt vielleicht meinen, dass es nicht so klinge, als ob ich etwas von der ganzen Sache mit Scheidung und so gelernt hätte. Und das ist richtig. Es war ja auch schon meine dritte. Wird wahrscheinlich nichtmal die letzte. Mit uns Cholerikern ist es so: Es fällt uns sehr schwer, von unseren Erfahrungen zu lernen. Die gleichen Fehler wiederholen sich oft. Wir sind aber die grossen Meister im Disziplin: Krisen lebendig und unverletzt durchzustehen.

Und eben das gehört zu den stärksten Seiten des Cholerikers: Das Talent dafür, seine Hörner zurecht zu schrauben und danach auf alles zu stossen,. Arme Mauer oder Zäune, die im Wege sind. Armes Problem, das sich gerne hochtürmen möchte um zu ertränken: Sie werden alle zerstossen, zertrempelt, gewalzen, bis sie in Herausforderungen verwandelt und bekämpft oder gezähmt sind.

Als Alexander der Grosse in seinem Krieg gegen das "Imperium des Bösen" – das war das damalige Persien – nach der türkischen Stadt Gordia kam, hat man ihm in einem Tempel einen Knoten gezeigt – einen "gordischen Knoten". Die Priester hatten diesen Knoten vor langer, langer Zeit gemacht, und es wurde gesagt, das der, der den Knoten lösen könnte, würde Herrscher der Welt werden.

Wie viele kleine Männer haben es wohl versucht? Wie viele Männer möchten wohl Herr der Welt werden? Wie viele Männer haben wohl nach dem harten Tag, wo sie nach so viele Stunden nur erreicht haben, dass die Fingerhaut zerflossen ist, gedacht, dass es "morgen oder übermorgen gelingen werde, und ich muss hier einen Tag bleiben, oder vielleicht eine Woche, oder zwei, oder drei Monate, oder vier, oder fünf Jahre, oder für den Rest meines Lebens?" Wie ein Narkotikum hat es die Seele aufgefressen, und niemand hat es vermocht, dagegen zu kämpfen.

Alexander, der Mazedonier, sagte: "Ach so, Weltenherrscher?" und er zog seinen Schwert und hat den Knoten mit einem Hieb geschafft. In tausend Stücken lag jetzt das geknotene Tau. Und dann wanderte er mit seinem Heer weiter – und wurde Weltenherrscher.

Diese ist eines der stärksten Kennzeichen des Cholerikers. Und vor allen anderen Talenten und Möglichkeiten steht dieses Geschenk des Cholerikers zur Menschheit: Die Stärke und Kraft, voran zu gehen, Hiebe allersorts zu nehmen ohne daran kaputt zu gehen; die Begabung für Neu-Denken als Prinzip statt Gewohnheits-Denken, und damit neue Wege durch unfahrbares Gelände zu bauen.

Wer nicht ordentlich in Verbindung mit seinem inneren Choleriker steht, wird leicht vor fehlendem Neu-Denken austrocknen, und ihm fehlen oft die notwendige Mut und Kraft um Krisen und Widerstand zu bearbeiten und beenden.

 

 

 

Na und?

 

Es gilt für die Ehe, Vereinsvorstände, Stadträte, Zusammen-arbeitsgruppen usw: Wenn eins der vier Temperamente fehlt, dann fehlt etwas Wichtiges – z.B. der Kommunikations- und Verständnis-fördernde Humor des Sanguinikers, die Ruhe und der Ideenreichtum des Flegmatikers, das soziale Bewusstsein des Melancholikers, oder die Kampfkraft und das Neu-Denken des Cholerikers.

Der kluge Arbeitsleiter sorgt dafür, dass alle diese vier Temperamente repräsentiert sind. Und der Verfasser hält es für sehr klug oder einsichtvoll, wenn er alle seine eigene Seiten kennen lernt und danach handelt, und lernt, sie zu respektieren, nicht herabschätzend "Na und?" sagen, sonderne verstehen, dass alle vier temperamente den gleichen Wert haben, dass man sich nicht um ein besonderes kümmern soll, dass das erstrebenswerte Ziel auf keinem Fall den Choleriker sein kann – denn so wie es zu der Frage der verschiedenen Menschenrassen und Hautfarben ist, so steht es auch mit den Temperamenten: "Der liebe Gott liebt Mannigfaltigkeit."

 

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